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Lacrimosa (III)
Interview mit Tilo [Lacrimosa], Juni 2014, mailer



Freunde des Symphonic-Rocks dürfen gespannt sein, denn Lacrimosa melden sich anno 2014 mit einem frischen Werk zurück: „Live In Mexico City“. Wie der Name erahnen lässt, handelt es sich dabei um kein reguläres Studio-Album des Duos. Sänger und Songwriter Tilo Wolff nannte mir gleich vier Gründe, warum es mal wieder Zeit für eine Live-Platte ist.

Tilo, vor welchem Hintergrund habt ihr euch dazu entschieden, anno 2014 nochmals ein Live-Album zu veröffentlichen?


Tilo: Dafür gibt es vier Gründe: Erstens ist unser letztes Live-Album bereits sieben Jahre alt und es gibt viele neue Songs, die ich in ihren Live-Versionen festhalten wollte. Zweitens haben sich die älteren Titel, die wir auf der vergangenen Tour spielten, über die Jahre entwickelt und es ist spannend zu hören, wie sie über die Jahre gereift sind. Drittens habe ich in den letzten Jahren einige Konzerte besucht und hätte mir anschließend oft gewünscht, diese Konzertstimmung immer wieder abrufen zu können. Als dann Leonard Cohen von seiner Tour gleich zwei Live-Alben veröffentlichte, war das für mich wie Weihnachten! Und dieses Gefühl möchte ich unseren Konzertbesuchern auch anbieten, so dass sie mit diesem Album die Atmosphäre unserer Konzerte der letzten Welttournee direkt abrufen können. Viertens gab es nie zuvor in der Musikgeschichte ein Album, auf dem ein mexikanisches Publikum deutsche Texte mitsingt. Alleine das macht dieses Album einzigartig!

Welche Bedeutung schreibst du Live-Platten generell zu und welche hast du selbst zuletzt gekauft?

Tilo: Zuletzt gekauft habe ich die beiden von Leonard Cohen. Und welche Bedeutung ich Live-Platten zuschreibe, hängt vom Künstler bzw. der jeweiligen Band ab. Wenn ich weiß, dass die Band ihre Musik auf der Bühne lebt, ausbaut und neu erschafft und die Live-Platten echt sind und nicht im Studio gefakt wurden, dann haben sie einen hohen Stellenwert bei mir.

Inwiefern unterscheidet sich die neue Lacrimosa-Live-Platte von der letzten, „Lichtjahre“?

Tilo: „Lichtjahre“ war ein Zusammenschnitt aus der gesamten Tournee. Ein Song kam aus Berlin, der nächste aus Moskau, ein dritter aus Peking, usw. „Live in Mexico City“ gibt ein komplettes Konzert mit allen emotionalen Stimmungsbögen wieder, ist also direkter und näher dran.

Haben sich eure Live-Songs in ihrer Spielweise über die Jahre gewandelt?

Tilo: Absolut. Von Tournee zu Tournee entwickeln sich die Titel, manches Mal bewusst, weil wir etwas am Arrangement ändern, Parts streichen oder neue Parts mit aufnehmen, manches Mal passiert das aber auch unbewusst mit einer gewissen Eigendynamik.

Warum habt ihr gerade das Konzert in Mexico City für das neue Live-Album mitgeschnitten?

Tilo: Unser erstes Live-Album haben wir in Deutschland, das zweite in verschiedenen Ländern aufgenommen. Deswegen haben wir uns dieses Mal für Mexiko entschieden, wo wir unser größtes und lautestes Publikum haben.

Was verbindest du persönlich mit Mexico?

Tilo: Seit 1998 touren wir jetzt in Mexiko. In diesen 15 Jahren haben wir so viel erlebt, so viele Freundschaften und Verbindungen geknüpft, das prägt! Und dabei ist Mexiko so groß und hat so unterschiedliche Gesichter. Und trotzdem bleibt noch so viel zu entdecken.

Wie würdest du das Publikum in Südamerika im Vergleich zu den deutschen Fans beschreiben?


Tilo: Je südlicher die Menschen leben, desto eher tragen sie ihre Emotionen auf ihren Zungen. Mexiko in Mittelamerika und die Länder in Südamerika wie Brasilien, Argentinien, Chile, etc. sind da keine Ausnahmen. Aber auch schon in Europa erleben wir, dass die südliche Mentalität oft lebendiger als die nördliche ist – wobei man das auch nicht verallgemeinern kann. Ich verbringe viel Zeit meines Lebens in Hamburg und kann hier kaum ein Klischee über die kühlen Nordlichter bestätigt finden.

Hört man sich das Live-Album an, lässt der lautstarke Jubel der Fans vermuten, dass es beim Konzert brechend voll war. Was mag die Südamerikaner so sehr an Lacrimosa faszinieren, wenn sie höchstwahrscheinlich noch nicht einmal die deutschen Texte verstehen, obgleich sie diese auswendig mitsingen können?

Tilo: Da viele unserer Fans aufgrund von Lacrimosa Deutsch studieren, gibt es inzwischen schon einige, die auch verstehen, was sie da singen. Trotzdem scheint Lacrimosa genau den Nerv zwischen genügend Emotionalität und genügend Härte zu treffen, der bei einer robusten und doch zutiefst menschlichen Kultur offensichtlich geschätzt und nachempfunden wird.

Wie habt ihr die Setlist für das Konzert festgelegt?

Tilo: Zum Zeitpunkt der Konzerte in Mexiko hatten wir bereits Europa, Russland, Korea und China hinter uns; die Setliste hatte also bereits genügend Zeit zu reifen. Am Anfang einer Tour schreibe ich alle Songs auf, die mich zu jener Zeit am meisten reizen zu spielen. Das ist oft sehr stimmungsabhängig. Wenn man dann die ersten Konzerte gespielt hat, kristallisiert sich bald heraus, ob die Auswahl in sich passt, ob die Reihenfolge funktioniert oder ob man hier und da noch etwas ändern sollte. Die Setliste dieser Live-Schreibe ist also das Ergebnis vieler Stunden auf der Bühne sowie einer gemeinsam mit dem Publikum erprobten und erarbeiteten Songauswahl.

Welcher ist dein favorisierter Live-Song und warum?

Tilo: Das wechselt immer ein bisschen, aber im Moment ist es wohl „Rote Sinfonie“ vom Album „Revolution“, weil ich hier das Arrangement komplett umgestellt, viele Passagen des Albums gestrichen und neue dazu genommen habe, um die Nummer bühnentauglicher zu machen. Im Original ist es eine große Orchesternummer, auf der Bühne eine massive Gitarrenwand.

Was war das Besondere an eurem Auftritt in Mexico City? Kannst du dich noch an Einzelheiten erinnern?


Tilo: Da dieses Konzert unser fünfzigster oder sechzigster Gig in Mexiko war, hatten wir jetzt nicht das Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben, aber bei mir war einfach die Freude sehr groß, weil ich wusste, dieses Konzert werde ich zuhause irgendwann einmal anhören können. Außerdem ist es immer speziell, in diesen riesigen Hallen zu spielen. In jenem Moment wussten wir auch schon, dass unser Zusatzkonzert am nächsten Tag ebenso ausverkauft war und ein zweites Zusatzkonzert am dritten Abend stattfinden würde. Das macht einen sehr dankbar und demütig gegenüber dem Publikum, und diese Emotionen gibt man dann auch entsprechend zurück.

Inwiefern lastet auf dir ein gewisser Druck, wenn du weißt, dass ein Konzert mitgeschnitten wird?

Tilo: Früher fand ich das schrecklich. Aber heute wird ja im Grunde jedes Konzert mitgeschnitten. Fast jeder hat ein Smartphone und am nächsten Tag steht der Gig, wenn auch in miserabler Qualität, auf Youtube. Deswegen gewöhnt man sich mit der Zeit daran.

Wie gehst du mit Patzern auf der Bühne um – ärgern sie dich noch tagelang oder siehst du schnell über sie hinweg?

Tilo: Das kommt ganz darauf an, was für Patzer das sind. Wenn es um Vermeidbares, um Unachtsamkeit meinerseits, seitens der Band oder Crew, oder um technische Pannen aufgrund fehlender Sorgfalt seitens des Veranstalters geht, dann regt mich das massiv auf. Wenn aber einfach etwas schief läuft aus dem Kontrollverlust heraus, den man manches Mal erlebt, wenn man sich komplett in die Musik fallen lässt, dann ist das Teil des Konzertes und aus meiner Sicht überhaupt nicht schlimm.

Die erste Auflage von „Live in Mexico City“ wird eine Bonus-DVD beinhalten. Was erwartet uns auf dieser?

Tilo: Auf dieser sieht man, wie wir in Mexico City landen und von den Fans am Flughafen überrascht werden sowie natürlich Konzertausschnitte. „Irgendein Arsch ist immer unterwegs“, „Schakal“ und „Alles Lüge“ sind in voller Länge zu sehen.

Das Cover-Bild stammt von Francisco Michel. Warum habt ihr gerade dieses ausgewählt?


Tilo: …weil es klasse ist!

Wann kann man euch wieder in Deutschland live erleben?

Tilo: Am 26. Juli spielen wir eine Open-Air-Show am Wasserschloss von Klaffenbach bei Dresden und am 27. Juli auf dem Amphi-Festival in Köln.

Inwiefern werkelt ihr bereits an Songs für ein neues, reguläres Studio-Album oder herrscht nun erst einmal volle Konzentration auf die Fußball-WM?

Tilo: Die WM verfolge ich natürlich, aber das hält mich nicht von der Musik ab. Vielmehr ist die Veröffentlichung der Live-CD ein ziemlicher Zeitfresser; im Moment komme ich eigentlich zu nichts anderem, als mich um diese CD zu kümmern.



Interview & Foto 1: Lea S.
Website Band: www.lacrimosa.ch

(c) NEGAtief / Ausgabe Jul./Aug. 14 / www.negatief.de

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