♦♦♦ Aurora Borealis ♦♦♦
Menu  
  Home
  Events
  Interviews 2006-2011
  Interviews 2012
  Interviews 2013
  => Hurts
  => Lordi (II)
  => Avantasia
  => Gothminister (V)
  => Children Of Bodom (III)
  => Gothminister (VI)
  => Roterfeld (IV)
  => Mono Inc. (III)
  => Schöngeist (I)
  => Down Below (V)
  => Schöngeist (II)
  => Down Below (VI)
  => Unzucht (I)
  => Turisas
  => Crematory (I)
  => FTANNG! (I)
  => Lacrimosa (II)
  => Katatonia (III)
  => Private Line (III)
  => Vlad In Tears (I)
  => Florian Grey (I)
  Interviews 2014
  Interviews 2015
  Interviews 2016-2017
  Gig-Reviews 2011-2014
  Gig-Reviews 2015-2017
  CD-Reviews 2006-2009
  CD-Reviews 2013-2014
  CD-Reviews 2015-2017
  DVD-Reviews
  Book-Reviews
  Reports
  Videos
  Gallery
  Contact
  VIP
  About
Insgesamt haben schon 228516 Besuchervorbeigeschaut!
Schöngeist (I)
Interview mit Timur Karakus [Schöngeist], 24.05.2013, phoner



Schöngeist werkeln derzeit an ihrem dritten Album, das voraussichtlich den Namen "Wehe!" tragen wird. Mit ihm wagt die Münchener Dark-Rock-Band einen Schritt zurück zu den Wurzeln. Ich sprach mit Frontmann und Sänger Timur Karakus über den Stand der Dinge.


Wie geht es dir, Timur? Bist du schon aufgeregt wegen dem Champions-League-Finale morgen oder lässt dich Fußball völlig kalt?


Timur: Heute bin ich ein bisschen geschafft, aber an sich geht es mir ganz gut. Finalspiele schaue ich mir schon an, aber dazu begebe ich mich in keine Massen-Location. Ich glaube, aus dem Alter bin ich raus. [lacht]

Kein eingefleischter Bayern-Fan?

Timur: Nee, Fußball hat für mich im Leben nicht so den Stellenwert wie für manche andere das Wasser und Brot. Ich glaube, ich bin ganz falsch auf dieser Welt. Ich gehöre nicht zum Strom. [lacht] Aber wann gab's das schon, dass sich zwei deutsche Mannschaften in England beim Finale gegenüberstanden?

Wer wird gewinnen?

Timur: Ich glaube, das kommt morgen ganz stark auf die Psyche der Spieler an. Vom Spielerischen und Druck her sehe ich Vorteile bei den Bayern. Irgendein komischer Psychoauslöser, ein blödes Tor oder ein Foul wird das Ganze noch drehen. Im Fußball ist leider alles möglich. Wem drückst du die Daumen? Wahrscheinlich Dortmund, oder?

Ich bin da eher neutral eingestellt.

Timur: Ehrlich gesagt bin ich in den letzten Jahren eher zum Motorsport gekommen. Formel 1 schaue ich mir ganz gerne an. Ob da 22 Idioten einem Ball hinterherlaufen oder 22 Idioten im Kreis fahren, ist eigentlich Wurscht. Doch wie gesagt: Finalspiele, die WM oder EM schaue ich mir schon an – ohne dabei dem Fanatismus zu verfallen.

Dann lass' uns jetzt lieber mal über Musik reden: Ihr schraubt ja derzeit an eurem dritten Album. Wie weit ist die Arbeit vorangeschritten?

Timur: Zweidrittel des Albums sind fertig. Ein Drittel fehlt also noch, so müssen wir im Prinzip in den nächsten sechs Wochen ein wahnsinniges Pensum schaffen. Wir haben grade eine echt harte Zeit…

Du stehst also voll unter Druck?

Timur: Es ist mehr der handwerkliche Druck, während der kreative Druck – Gott sei Dank – schon verarbeitet ist. Das ist auch sehr entspannt gelaufen – muss es im Grunde auch, denn sonst kommt nur Wurst dabei heraus. Jetzt geht es noch darum, die Bässe, Gitarrenspuren usw. einzuspielen sowie den Gesang draufzuknallen; bei manchen Songs ist auch noch ein wenig Textfeilung angesagt. Aber das sind die typischen letzten 100 Meter, die man bei jeder Produktion zurücklegen muss – egal wie viel Zeit zur Verfügung steht oder nicht. Zum Ende hin wird es immer ein bisschen hektisch und chaotisch, aber das ist normal. So geht es jedem meiner Kollegen.

Wie groß ist denn der Druck generell, dass man ein mindestens ebenbürtiges, wenn nicht sogar besseres Nachfolge-Album kreiert?

Timur: Jetzt beim dritten Album ist der Druck gar nicht so gegeben. Interessanterweise war es so, dass sich das Debüt besser als das zweite Album verkauft hat. Allerdings fanden die Presse und wir als Musiker das zweite Album künstlerisch wertvoller. Doch das Herumexperimentieren ist ein schwieriges Unterfangen, welches ich bewusst in Kauf genommen habe. Deshalb spüre ich auch keinen Druck. Denn wäre er da, würde nur Müll entstehen. Ich gehe wirklich mit Herz, Bauch und gesundem Menschenverstand an die Sache heran, aber diesmal wird die Platte konzeptionell etwas anders. Sie wird geradliniger, rock'n'rolliger, direkter und tanzbarer. Der künstlerische Anspruch ist natürlich gewahrt, aber nicht derart, dass ich mich etwa wahnsinnig ausdrücke…

Gibt es schon einen Titel für das neue Album?


Timur: Das Album wird voraussichtlich den Namen "Wehe!" tragen. Anfang Juli erscheint bereits die Single "Zusammen allein" als Online-Release. Eine physische CD macht in unserem Genre erst einmal keinen großen Sinn. Im gleichen Atemzug wird die Single auch in den Clubs released, was für unsere Szene sehr wichtig ist. Ende Juli zum Amphi-Festival werden wir schließlich das Album groß bewerben, welches dann Ende August erscheinen soll. Das Datum haben wir noch nicht festgelegt.

Wie entsteht generell ein Schöngeist-Song? Gehst du nach einem bestimmten Konzept vor und musst du in einer bestimmten Stimmung sein?

Timur: Ja, ich muss in Stimmung sein. Es heißt immer, wenn die Muse dich küsst… Wenn dieser gewisse Stimmungszustand nicht da ist, dann bleibt weißes Papier weißes Papier. Da kommt nichts bei heraus! Das Songwriting ist also sehr stimmungsabhängig. Wenn ich aber wirklich eine gute Idee habe, kommt es selten vor, dass sich jene Idee im Nachhinein als Schrott herausstellt. Man lässt die Idee ein bisschen ruhen, arbeitet schließlich daran und meist geht es relativ flüssig mit dem Thema, Claim, Text und Arrangieren voran. Es gibt dabei kein Schema, nachdem ich vorgehe. Wir sind keine Reißbrett-Band. Da gibt es genügend andere, die nach einem Konzept vorgehen. Ich bin ja sehr stolz darauf – da muss ich auch der Presse ein Kompliment machen –, dass ihr uns niemals in die NDH-Schublade gepackt habt, auch wenn wir mal irgendwo ein paar Anleihen verbraten und verarbeiten. Am Ende des Tages ist alles irgendwie Rock'n'Roll! [lacht]

Wo würdest du Schöngeist denn musikalisch einordnen?


Timur: Wir machen deutschsprachige Rock-Musik, die ich mit düsterem sowie gotischem Flair und Ambiente aufbereite. Ab und an packe ich auch mal etwas Spezielles wie etwa orientalische Klänge hinzu. Man kann aber nicht sagen, dass wir wie Rammstein, Eisbrecher usw. klingen. Dafür gibt es andere Kollegen, die erfolgreich in diese Schiene reinschlagen, aber dies auch bewusst tun. Und es funktioniert. Meinen eigenen Anspruch würde dies allerdings nicht befriedigen.

Du würdest dich also nicht mit anderen Bands vergleichen?

Timur: Das ist schwierig. Inspiration holt man sich natürlich auch bei Kollegen, denn sie kann nicht nur von innen kommen. Zum großen Teil kommt sie von außen. Aber wie gesagt, ich setze mich nicht bewusst hin, nehme die Gitarre in die Hand und kreiere einen Riff, der nach Rammstein oder Eisbrecher klingt. Ich bin auch nicht der Typ von Rock-Sänger, der mit einer Stimme von minus drei Oktaven rausgeht und sich bei einer Flasche Whiskey den Hals rausbrüllt. Diese Emotion transportiere ich nicht. Außerdem passt das stimmlich nicht zu dem, was ich schraube. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Ich habe es somit vielleicht einen Tick schwerer als andere, weil ich nicht konzeptionell auf einem Zug mitfahre. Aber mir ist es lieber, ich habe ehrliche 100 oder 150 Leute vor der Nase, die ich mit meinem Tun überzeugen kann, als wenn ich vor 400 oder 500 Leuten spiele, die ich auch bei einem Rammstein- oder Eisbrecher-Konzert wiedertreffen würde. Diese Fans sind mir natürlich auch herzlich willkommen – und wir haben sehr viele Shows letztes Jahr gerade auch mit Eisbrecher gespielt –, aber ich muss berücksichtigen, dass es dort auch Menschen gibt, die mit den Emotionen, die ich transportieren will, vielleicht nicht so viel anfangen können. Das ist aber in Ordnung! Man nimmt dann eben jene Fans mit, die sich von der Emotion packen lassen.

Letztes Jahr hattet ihr nicht nur Club-Shows, sondern auch einige Festival-Auftritte wie auf dem WGT in Leipzig und Amphi in Köln. Wie war es?

Timur: Auf dem Amphi haben wir in der Halle gespielt – das war ein krasses Erlebnis. Generell hatten wir letztes Jahr immer die undankbare Aufgabe des Dosenöffners, aber ich liebe solche Herausforderungen und schließlich hat auch alles gut funktioniert. Doch auf dem Amphi war ich den Tränen nahe, weil gegen 15 oder 16 Uhr eine halbe Kilometer-Schlange vor den Toren stand und ich dachte, die sei wegen Mono Inc. da, weil die nach uns gespielt haben. Aber die Leute waren wegen uns da! [lacht] Das sind so Momente, bei denen ich nah am Wasser gebaut bin. Wenn du als Musiker deine Arbeit ernst nimmst, dann entschädigen solche Momente wirklich für alle Mühen, den ganzen Kampf, Stress und die vielen Enttäuschungen. Solche Momente geben einem die Motivation, dass das eigene Tun in Ordnung ist, auch wenn es hin und wieder Rückschläge gibt. Ich muss vielleicht ein bisschen härter im Leben arbeiten als andere, aber das ist in Ordnung. Das musste ich ohnehin schon mein ganzes Leben lang, denn mir wurde nie etwas geschenkt. Ich gehe eben einen etwas steileren Berg hoch, aber ich weiß, dass es am Ende gut wird. Natürlich hätte ich damals auch hergehen und wie gesagt NDH machen können. Damit hätte ich sicherlich einige Fans abgreifen können. Denn immer dann, wenn die Großen nichts machen, gibt es Bands, die ein bisschen die Lücken füllen.

Ihr habt doch neulich auch mit Stahlmann gespielt, oder?

Timur: Ja, wir sind sogar Kumpels. Wir schätzen und mögen uns wahnsinnig. Ich bin ein totaler Fan von ihnen, aber nicht von dem, was sie machen. Da bin ich ehrlich. Und es ist cool, dass wir auch so darüber miteinander reden können. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich verurteile niemanden! Es ist völlig legitim, solche Musik zu machen, denn schließlich funktioniert sie ja. Letztlich entscheidet der Konsument, welche Platte er kauft und auf welches Konzert er geht.

Zurück zum neuen Album: Wann und mit welcher Zielsetzung bist du diesmal ans Werk gegangen?


Timur: Angefangen haben wir vor über einem Jahr. Für die ersten vier Tracks haben wir uns extrem viel Zeit gelassen, denn von der kommerziellen Sichtweise her sollten die Stücke natürlich funktionieren und überzeugen. Gleichzeitig mussten sie jedoch authentisch bleiben. Auch nahm die Selbstfindung viel Zeit in Anspruch, doch dieser Prozess musste durchlaufen werden. Der gesamte Mix an Argumenten und Reflektionen führte letztlich dazu, dass wir nochmals an unserem Bild gefeilt haben. So wie Bob Ross: Er fängt an und malt ein geiles Bild. Doch auf einmal nimmt er den Farbeimer, schüttet ihn drüber und am Ende kommt ein noch geileres Bild heraus. [lacht] So lässt sich der Prozess zwischen Album 2 und Album 3 gut beschreiben: Wir hatten bereits das Bild vor Augen, aber das war es nicht wirklich. Deshalb mussten wir uns trauen, den Farbeimer zu nehmen und ihn drüber zu klatschen. Ich glaube, das trifft es ganz gut im Vergleich. Von der Mentalität her sind wir wieder ein bisschen "back to the roots" gegangen, in Richtung ehrlichem Rock'n'Roll. So klingt das neue Album gerader, direkter und emotionaler.

Inwiefern ist denn deine Band am Entstehungsprozess beteiligt?

Timur: Bei vier Titeln unterstützte mich mein Kollege Günther Haussner, der mit mir auch sehr viel am zweiten Album geschraubt hat. Die anderen Titel entstehen in Zusammenarbeit mit den einzelnen Bandmitgliedern, was vorher eigentlich nicht so der Fall war. Doch meine Band kam mit ganz tollen Ideen, die mich berührten und in denen ich mich wiederfinden konnte. So etwas stärkt auch den Zusammenhalt und die Motivation einer Band, was für mich ein ganz wichtiger Aspekt ist.

Gibt es auch Personen in deinem Familien- und Freundeskreis, die du schon frühzeitig an deinen musikalischen Ergüssen teilhaben lässt?


Timur: Ja, mein sehr geschätzter Kollege und Kumpel Alex Wesselsky von Eisbrecher ist beispielsweise einer der wenigen, der exklusiv die Zwischenstände hören darf und mit dem ich mich wie in einer Art Soundcamp ein bisschen austausche. Und er gibt mir auch hin und wieder wertvolle Tipps. Er ist ein Außenstehender, der zwar nicht in der Sache drin steckt, aber dennoch genug Profi ist, den persönlichen Geschmack ein wenig abzuziehen. Und das hilft mir sehr! Generell ist der Blick von außen sehr wichtig und man muss ihn auch zulassen, um der inneren Betriebsblindheit entgegenzuwirken. So ist es natürlich auch sinnvoll, die Meinung von vertrauten Personen aus dem Bekanntenkreis oder beispielsweise von vertrauten DJs einzuholen. Ich beobachte bei den Menschen dann immer, wie sie körperlich reagieren, wenn sie einen Song hören.

Wie würdest du die neue Platte im Vergleich zum Vorgänger-Album "Keine Zeit" musikalisch beschreiben? Was hat sich gewandelt, was ist gleich geblieben?

Timur: [lacht] Musik ist immer ganz doof zu beschreiben, besonders, wenn es die eigene ist. Aber wir haben diesmal die Elektronik und das Geplätscher drum herum wesentlich reduziert. Die Platte ist wie gesagt direkter, transparenter und rock'n'rolliger geworden. Sie ist weniger verspielt und geht mehr nach vorne. Stimmlich klingt sie stellenweise aggressiver oder stärker. Insgesamt hat das Album mehr Energie.

In welchem Studio wird es aufgenommen?

Timur: Wir produzieren das Album in unserem eigenen Studio außerhalb von München, während der Feinmix und das Mastering in den LXK-Studios von Alex Klier übernommen werden.

Und bei der Produktion arbeitest du mit deinem Kollegen Günther zusammen?


Timur: Ja, beim Produktionsprozess bin ich immer bis zum bitteren Ende dabei. Zusammen macht das auch einfach mehr Spaß. [lacht] Alleine kann ich das alles nicht stemmen.

Wie gehst du mit Kritik um?

Timur: Ich bin fähig, Kritik aufzunehmen, wobei aber immer die Kraft des Arguments zählt. Dann kann ich gut zuhören und bin aufgeschlossen. Vielleicht brauche ich im Anschluss fünf Minuten, aber generell kann man mit mir reden. Rein emotionale Kritik finde ich hingegen immer ein wenig schwierig. Doch was das Musikalische anbelangt, hatte ich bisher immer das Glück, mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, die fast immer das Gleiche gespürt und gefühlt haben. Man war sich also immer recht einig bezüglich der Kreativität und Produktion.

Wie sieht ein Tag im Studio für dich aus?

Timur: Bei uns ist es immer lustig. [lacht] Spaß bei der Arbeit ist einfach wichtig. Die Arbeitszeiten sind jedoch aufgrund von Biorhythmus, Lust und Laune der Beteiligten sehr unterschiedlich. Wenn es ans Ausproduzieren geht und handwerklich wird, sind wir eher disziplinierter, fangen früh an und arbeiten so lange, bis die Sinne nachlassen. Dann muss man auch aufhören, denn irgendwann hört man einfach nichts mehr. Außerdem müssen sich Stücke auch mal setzen. Am besten lässt man sie nach Vollendung zwei Tage ruhen. Und wenn man sich die Stücke dann wieder anhört, offenbaren sich oftmals Fehler und Unstimmigkeiten.

Gehst du neben der Musik eigentlich noch einem anderen Job nach?

Timur: Ich muss natürlich meinen Kühlschrank füllen, deshalb gehe ich auch schon einmal einem anderen Job nach. Das macht ja jeder von uns, das ist kein Geheimnis. Um heute von der Musik leben zu können, musst du bereits unheimliche Höhen erklommen haben. Aber ich befinde mich zum Glück in einer sehr flexiblen Situation, in der ich mir meine Zeit sehr gut einteilen und mir auch den nötigen Freiraum nehmen kann. Und da man das Ganze in einem Team macht, gibt es auch eine gewisse Arbeitsteilung, so dass der Prozess nie ins Stocken gerät. Das muss natürlich organisiert sein.

Welche Herausforderungen oder Probleme gab es bisher bei der Produktion?

Timur: Oh, am Anfang waren es die Texte. Ich liebe ja die deutsche Sprache, denn sie ist so wunderschön. Nicht umsonst ist sie auch die Sprache der Lyrik, obgleich sie relativ synonymarm ist. Es gibt gewisse Wörter, die bereits von X Bands tausende Male verwendet wurden. Somit ist es eine Herausforderung, jene Worte zu umschiffen bzw. zu umschreiben, so dass sie immer noch knackig und für jedermann verständlich sind. Bei deutschen Texten muss man sich aber auch deshalb besonders viel Mühe geben, weil die Leute ganz genau hinhören. Sprich, wenn man deutschsprachige Musik macht, muss man den Stellenwert der Texte stets einen Tick höher ansetzen als die musikalische Begleitung dazu. Natürlich kann man dabei auch ins Klo greifen. Die Texte haben uns jedenfalls am Anfang viel Zeit gekostet.

Wie viele Songs werden denn auf dem neuen Album zu finden sein?

Timur: Es werden zehn Songs sein, darunter auch eine Cover-Version eines nicht unbekannten Musikstücks. Aber mehr werde ich dazu noch nicht verraten. Ich will auch kein großes Aufsehen darum machen. Es wird jedenfalls der einzige Song auf Englisch sein. Vielleicht wird es auch noch einen Bonus-Track geben. Ich bin jedoch ein Gegner von diesem ganzen inflationären Songwriting. Gerade in den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, Scheiben mit 16 Titeln zu produzieren, die sich erstens kein Schwein anhört und was zweitens immer problematisch ist. Denn je mehr Titel du hast, desto mehr verändert sich der Charakter einer Platte. Früher haben nur acht oder neun Titel auf eine Platte gepasst und das hat funktioniert. Und ganz ehrlich, wenn ich heute eine Platte in der Hand halte, auch von meiner Lieblingsband, höre ich nie alle Songs durch. Spätestens beim neunten oder zehnten Song ist bei mir Schluss, denn ich weiß, bis dahin sind eh die besten Lieder verbraten. Deshalb ist es mir lieber, wenn ich nur zehn Titel auf einem Album habe, die dafür knackig sind, anstatt eine Platte durch mehr Songs künstlich teurer zu machen. Dann schiebe ich doch lieber ein dreiviertel Jahr später noch eine EP hinterher…

Lass' uns jetzt mal ein wenig auf jene Songs der neuen Platte eingehen, die schon fertig sind: Wie würdest du "Zusammen allein" beschreiben?

Timur: Der Track "Zusammen allein" ist als erstes entstanden. Jeder dürfte das aus seinem Leben kennen: Man trägt vielleicht Jahre lang einen Groll mit sich herum, beispielsweise einen Streit mit einem Menschen, und man kommt einfach nicht zur Aussprache. Doch am Ende des Tages rafft man sich zusammen, guckt sich in die Augen und überlegt, ob man sich nun die Fresse gegenseitig einschlägt oder miteinander quatscht, um zu verzeihen, vergeben und vergessen. Der Song beinhaltet also eigentlich eine recht positive Botschaft, die jeder von uns kennt: entweder schon einmal durchgemacht hat, gerade durchmacht oder noch durchmachen wird. Jeder macht seine Probleme dabei mit sich selbst aus, steht aber doch aufgrund dieser Probleme in Verbindung zur anderen Person, weil sie ja letztlich beide betreffen. Daher der Titel "Zusammen allein". Das Wortspiel gefiel mir sehr gut, zumal es dies auch so noch nicht gab. Musikalisch gehen wir hier wieder ein bisschen zurück in die 80er-Jahre. Man könnte es meinetwegen als eine Mischung aus Sisters Of Mercy, Billy Idol und Héroes Del Silencio bezeichnen.

Wie schaut's mit "Wehe!" aus?

Timur: Dieser Song wird mit auf der Club-Single zu finden sein, ist aber auch gleichzeitig der Album-Titel. "Wehe!" ist ein schöner Claim, weil er auch sehr doppeldeutig ist. In dem Song geht es um die unerreichbare, unerfüllte Liebe, um das, was man begehrt, aber nicht haben kann. Mehr sage ich dazu nicht. [lacht] Musikalisch schlägt der Song eine ähnliche Richtung wie "Zusammen allein" ein, ist aber vielleicht noch einen Ticken härter und aggressiver.

Kommen wir noch zum Song "Ich bin dafür"…

Timur: "Ich bin dafür" ist eine relativ ruhige Nummer. Sie ist aber keine schwere, langsame Ballade, sondern eher eine Midtempo-Ballade, die sich auch live schön spielen lässt. Außerdem ist der Song eine schöne Album-Nummer, die ich persönlich nicht unbedingt als Single oder so sehe. Der Song beinhaltet viel Emotion, drückt auch viel aus und huldigt mit gewissen sphärischen Instrumentierungen, Sounds und Klängen ein wenig den 80er-Jahren. Mir ist es einfach wichtig, dass jeder Track auf dem Album ein guter, griffiger Song ist. Ich mag diesen Titel sehr. Er ist auch relativ am Anfang entstanden und ich hoffe, er trägt die Emotionen.

Und gesanglich?

Timur: Ich bin kein Brüllhengst, das machen andere. Ich stellte mir einst die Frage, wofür wir als Schöngeist eigentlich stehen. Und da sagte mir meine damalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin ist und uns auch oft auf Konzerte begleitet hat, dass wir für das Geheimnis stehen.

Bist du gern geheimnisvoll?

Timur: Das ist nicht kalkuliert. Aber ich habe mir immer diese Frage gestellt, wie ich rüberkomme, und geheimnisvoll trifft es ganz gut. Mit so einer Beschreibung kann ich gut leben. Alles, was ein bisschen geheimnisvoll ist, macht ja auch neugierig.



Interview: Lea S.
Fotos: taken from https://www.facebook.com/pages/SCHÖNGEIST/146222891222?fref=ts
Website Band: www.schoengeist-musik.de

-
(c) Zillo Musikmagazin / Ausgabe 07-08/13 / www.zillo.de

Time  
   
Werbung  
   
=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=
copyright: Aurora Borealis 2007-2015